Die Aussicht vom Gipfel

Blick Vom Gipfel

Das erste Tageslicht

Der Tag bricht an. Andy tritt vor sein Haus auf dem Hügel über der Glenmorangie-Destillerie. Der Blick fällt zunächst auf die Förde, den Dornoch Firth, und weiter hinten dann auf die offene Nordsee. Aber bald schon entdeckt man weiter unten die Destillerie, nur ein paar hundert Meter Fußmarsch entfernt.

„Ich schätze mich glücklich, denn ich gehe gern zur Arbeit”, sagt Andy MacDonald, Betriebsleiter der Glenmorangie-Destillerie. „Ganz ehrlich: Das gibt mir jeden Tag neuen Schwung. In einer solch glücklichen Lage sind nicht viele Menschen, aber die meisten von uns, die hier arbeiten, empfinden dieses Glück. Die Destillerie ist außergewöhnlich. Die Umgebung ist atemberaubend schön. Und die Qualität unseres Produkts ist erstklassig. Arbeiten kann wohl kaum noch schöner sein.

Nun ja, Glenmorangie-Whisky ist gefragt. Er ist Schottlands beliebtester Single Malt, und außerhalb des Landes wächst der Durst danach offenbar auch recht schnell. Die Produktion läuft beinahe rund um die Uhr. Wenn ich morgens in die Arbeit komme, erkundige ich mich erst einmal, was ich verpasst habe, was die Nacht über passiert ist, und prüfe genau, ob all die kleinen Details stimmen, ob alle Messwerte in Ordnung sind. Ich betrete zuerst das Sudhaus und bahne mir dann den Weg bis zum schönsten Anblick, zum schönsten Klang des Tages: zur Brennerei.“

 

Der erste Blick, der erste Klang

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, als ich die Brennblasen zum ersten Mal sah. Das war vor zehn Jahren, als der Produktionsleiter Dr. Bill Lumsden mich zu einem Treffen hierher eingeladen hatte. Er war so enthusiastisch und voller Leidenschaft für jedes einzelne Produktions-detail und auch den gesamten Standort, und natürlich präsentierte er mir die Brennblasen voller Stolz. Aber ich wäre auch überwältigt gewesen, wenn er gar nichts gesagt hätte, denn diese mächtigen Brennblasen sind schlicht und einfach faszinierend.

 

Ich liebe es, sie anzusehen, und auch, sie zu hören. Es sind die höchsten in Schottland, so hoch aufragend gibt es sie einzig und allein bei Glenmorangie, und sie sind ausschlaggebend für unsere komplexen Whiskys. Das sanfte Geräusch, das sie von sich geben, ist wie Musik in meinen Ohren.

 

Mein ganzes Leben lang habe ich in der Whisky-Industrie gearbeitet. Ich weiß, dass exzellente Whisky-Sorten auch in niedrigeren Brennblasen hergestellt werden. Aber hier bei Glenmorangie machen die hohen Brennblasen eben noch mal einen eindeutigen Unterschied. Es ist natürlich nicht nur ihr Anblick und ihr Klang, sondern auch das, was sie zum Geschmackserlebnis beitragen: eine unverwechselbare Qualität. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass unser Single Malt der Branchenprimus ist, gewissermaßen „die Vollendung des Whisky-Geschmacks“. Und die hohen Brennblasen spielen dabei eben eine nicht gerade unbedeutende Rolle …”.

Warum so hoch?

Hier ein paar Hintergrundinformationen:

 

Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte William Matheson, unser Gründer, die Morangie-Farm an der Küste des Dornoch Firth. Hier, im hohen Norden Schottlands – wo die Luft kristallklar ist, wo die Quellwasser kühl sind und reich an Mineralstoffen, wo die Gerste sich im Wind wiegt – begann er, Whisky zu brennen. Er experimentierte mit zwei ungewöhnlich hohen Brennblasen und erhielt ein samtweiches Destillat, das schon damals wegen seiner Eleganz Berühmtheit erlangte. Heute, 170 Jahre später, sind unsere zwölf Brennblasen weiterhin nach dem Modell von Mathesons innovativen Originalen gestaltet, aber ihre bemerkenswerte Höhe ist nur ein Aspekt des anerkannt weiten Weges, den wir bei der Herstellung unserer prämierten Whiskys zu gehen bereit sind.

 

Weshalb nun aber diese Anstrengungen, diese weiten Wege, werden Sie sich möglicherweise fragen. Wir streben nach Perfektion, indem wir die Geschenke der Natur nutzen und mit unserer Leidenschaft und Kompetenz veredeln. Es gibt natürlich immer einfachere, kürzere Wege in der Whisky-Produktion, aber nicht, wenn man wahre Qualität erzeugen will. Wir benutzen die edelste Gerste und haben zweifelsohne auch das Glück, über großzügige Mengen des viel geschmähten schottischen Rohstoffs, nämlich viel Regen, zu verfügen. Bei der Verwendung der höchsten Brennblasen machen wir keine Kompromisse. Und der Weitsicht unseres Gründers verdanken wir, dass sich unsere Destillerie neben der Quelle Tarlogie Spring befindet, aus der eben dieses Regenwasser wieder hervorsprudelt, 100 Jahre nach seiner Ankunft auf der Erde, köstlich gefiltert und veredelt durch altes Gestein. Wir reisen um die ganze Welt – immer auf der Suche nach dem besten Holz für unsere Fässer. Diese verwenden wird dann stets mit Bedacht, mit Fantasie und immer nur zweimal für unseren Klassiker: den Glenmorangie Original.

 

Wir nennen das gern auch „Unnecessarily Well Made“. Schmecken kann man das sicherlich, vieles aber ist unsichtbar. Unsere hoch aufragenden Brennblasen sind hingegen für jeden gut sichtbar und geradezu berühmt. Die Menschen kommen aus aller Welt, um sie zu besichtigen; manche von unseren Besuchern trinken einfach gern Whisky, einige aber sind echte „Aficionados“, Glenmorangie-Liebhaber und -Kenner. Manchmal tritt geradezu ehrfürchtige Stille ein, wenn Besucher die Brennerei betreten, eine Kathedrale der Stille inmitten all des geschäftigen Treibens. Denn die Brennblasen sind allein für sich schon ästhetische Kunstwerke – mit ihren eleganten Hälsen und wohl durchdachten Wölbungen. So wie im fertigen Produkt selbst steckt auch in diesen Kupferriesen die Kraft der Sinnlichkeit, und was sie bezwecken, ist nichts Geringeres als die Kunst der Alchemie.

 

Unser Gründer hat hier Pionierarbeit geleistet. Er verzichtete auf Kessel in der traditionellen Zwiebelform und nutzte stattdessen die Brennblasen mit den hochragenden Kupferhälsen, die heute ein Schlüsselelement in der Herstellung unseres außergewöhnlichen Whiskys sind. Er fand heraus, dass nur die frischesten und feinsten Alkoholdämpfe ganz nach oben gelangen, in unserem Fall bis zum Ende der 5,14 Meter langen Hälse – das entspricht der Höhe einer ausgewachsenen männlichen Giraffe! Je höher die Brennblase, desto reiner also die Spirituose, die letztlich herauskommt. Diesen hochwertigen Alkohol verfeinern wir dann mit dem Aroma, das bei der sanften Reifung im Fass entsteht. Erst dann können wir uns zurücklehnen und der Natur freien Lauf lassen. Jetzt würden wir unsere Füße hochlegen – wenn wir könnten. Aber es gibt immer etwas zu tun, wir müssen ja den Durst der Whisky-Liebhaber stillen. Und wir sprechen hier von langen Jahren, nicht von flüchtigen Momenten, denn erst mit der Zeit nimmt die wertvolle Flüssigkeit etwas an von dem Fass der Wahl und auch etwas von der Luft der Highlands. Das Ergebnis ist ein erstklassiger Whisky. Nehmen Sie sich etwas Zeit. Genießen Sie ein Schlückchen. Und erheben Sie Ihr Glas (to the heights)!